Meckern, mäkeln, sich mokieren

Brauchen wir mehr Lachseminare? Eine Glosse von Reinhard Helfert

Gott sei dank, uns geht es wieder schlecht. Die Krise hat uns erfasst und wir könnten nicht besser klagen.

Ich rede von uns, den durchschnittlichen Mittelstandsdeutschen – nicht von denen, die es wirklich erwischt hat und die sich mit Hartz IV durchs Leben schlagen müssen.

Der Deutsche nörgelt gerne. Nur wenn er unglücklich ist, ist er glücklich. Wenn grad keine Krise zur Hand ist, hat er das Wetter: bei drei Tagen Frost wittert er die nächste Eiszeit. Wenn es Anfang Mai noch nicht durchgehend 25 Grad hat, beklagt er, dass es keinen Sommer mehr gibt. Scheint im Juli dann eine Woche lang die Sonne und die Temperaturen erreichen 26 Grad, stöhnen alle über die unerträgliche Hitzewelle, den Klimawandel und das Abschmelzen der Polkappen. Man motzt, die Bahn sei nie pünktlich, die Post zu langsam und die Telekom zu träge. Beamte sind angeblich faul, Arbeitslosengeldempfänger sind Sozialschmarotzer und Jugendliche mit Migrationshintergrund gelten als potenzielle U-Bahn-Schläger, und alle sind sich einig: „So kann das nicht weitergehn!“

Schon Bismarck, unser Reichskanzler, klagte im Jahre 1878: „Der Deutsche hat eine starke Neigung zur Unzufriedenheit. Ich weiß nicht, wer von uns einen zufriedenen Landsmann kennt.“ Es wird gemeckert was das Zeug hält. Uns macht es keiner Recht – kein Politiker, kein Fußballtrainer, kein Kollege, kein Ehepartner… (und ich könnte die Liste beliebig verlängern). Stammtische, Gerichte und Scheidungsanwälte profitieren davon. Wir meckern überall, im Restaurant, im Supermarkt, am Gartenzaun, am Urlaubsort und im Internet. Alles ist wahlweise zu laut, zu leise, zu dünn, zu dick, zu klein, zu groß, zu schlecht, zu gut oder was auch immer. In manchen Betrieben werden mehr Menschen im Beschwerdemanagement beschäftigt als in der Verkaufsberatung.

Sorry, aber Frauen jammern und nörgeln statistisch mehr. Laut einer Umfrage des Lifestylemagazins „Men’s Health“ (ein Schelm, der Unausgewogenheit vermutet) klagen Frauen mehr als Männer. Danach nörgeln wir Männer an unseren Frauen weit weniger herum (nicht ganz 29 Prozent) als die Frauen an uns (34 Prozent). Unter den Frauen geraten 56 Prozent in Rage, wenn ihre selbstausgesuchten Machos im Haushalt keinen Finger krümmen. Ist sie jedoch selbst nicht gerade ein Putzteufel, regt das nur 22 Prozent der Männer auf. 45 Prozent der Frauen beschweren sich darüber, dass ihr Partner „nie richtig zuhört“. Ist sie für unsere Ergüsse taub, macht das gerade mal 24 Prozent von uns Männern etwas aus. Über das Gemecker am Gegenüber jammern die Geschlechter allerdings gleichermaßen: Rund ein Viertel kann die ständige Kritik nicht mehr hören.

Trotz Schlager, Schnulzen, Schundromanen – wir Deutsche können nicht richtig glücklich sein. Wir wollen es ja eigentlich, und theoretisch wissen wir ja auch aus gerade diesen Medien wie es geht – aber wir können's einfach nicht. Daraus kann man uns aber beim besten Willen keinen Vorwurf machen. Das muss irgendwie an den Genen liegen; oder an der Erziehung und dem sozialen Umfeld; oder an der allgemeinen Großwetterlage, den Hormonen, dem Zyklus, dem Aszendenten...

Glückliche Menschen leben bedeutend länger und werden auch seltener krank. Also wollen wir endlich lernen, glücklich zu sein: Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert, Direktor der Heidelberger Willy-Hellpach-Schule, hat in seiner Schule das Unterrichtsfach „Glück“ erfolgreich eingeführt; Lachseminare erfreuen sich stürmischen Zulaufs; die glückseeligmachenden Worte des Dalai Lama füllen Stadien – aber funktioniert das alles wirklich?

Nehmen wir uns doch einfach mal ein Beispiel an unseren Nachbarn: Der Italiener erträgt stoisch alle Skandale und Peinlichkeiten seines Ministerpräsidenten, Hauptsache die Nation ist Fußballweltmeister. Die Franzosen schütten bei jedem Essen genug Endorphine aus, um zu vergessen. In Russland heißt es: Wodka gut, alles gut. Und obwohl der Russische Multimilliardär Roman Arkadjewitsch Abramowitsch aufgrund der Finanzkrise 20 Milliarden Dollar verlor und nur noch läppische 3,3 Milliarden Dollar besitzt, klagt er nicht, sondern packt an, um seine geschiedenen Frauen, seine Freundin und seine sechs Kinder über Wasser zu halten. Richtig so! – In Deutschland wirft man sich in einem solchen Fall vor den Zug.

So, genug gemeckert! Zum Glück habe ich ja noch eine halbe Packung Antidepressiva...